Forschung

Naturtalent "Timber" - Wolfsforschung aus Hundesicht

Leise und still ist er im Sommer 2009 von uns gegangen: Jasper, unser Traumhund. Er kannte die Bowtal-Wölfe wie kein anderer. Im Herbst 2009 fuhren meine Frau Karin und ich in die Tschechei, um einen Nachfolger für Jasper zu erwerben. Dieser Entschluss hat sich bereits ausgezahlt. Das Forschungsteam ist wieder komplett.

Es war einmal:

Ein mittelgroßer, stolzer Laika-Rüde, mit einem grossen, stolzen Arbeitsnachweis. 23 verschiedene Wölfe lernte er im Bowtal kennen. Er kannte sie alle persönlich. Jasper war zeitlebends kein Raufbold mit großer Klappe, großem Ego und vielen Feinden. Er liebte Menschen, verhielt sich stets sozial-freundlich im Umgang mit Hunden. Im Alter von knapp 13,5 Jahren ging es ihm dreckig.
Schwerer Prostata-Tumor, so die letzte Diagnose von Tierarzt Dave. Einschläfern lassen und Abschied nehmen, auch wenns schwerfällt, hieß es zum Schluss. Jasper wurde eingeäschert. Die Geschichte eines Ausnahmetalents. Karin und ich beschlossen damals, seine Asche im Rendezvous-Gebiet der Bowtal-Wolfsfamilie zu verstreuen. Dort, wo Jasper uns präzise am häufigsten anzeigte, wo sich Delinda, Nanuk, Silvertip und all die anderen Wölfe gerade aufhielten. Und das lange bevor wir (ach so schlauen Feldforscher) sie endlich erspähten. Diese Art von ungewöhnlicher Abschieds-Aktion wäre sein letzter Wille gewesen, redeten wir uns ein.
Und tatsächlich: Eine Woche später kam Nanuk um die Ecke, im Schlepptau seine Töchter Fluffy und Sundance. Alle beschnüffelten aufgeregt und interessiert jene Stelle, an der wir zuvor Jaspers’ Überbleibsel hinterlassen hatten. Ob sie Jaspers’ Geruch wieder erkannten? Davon gehen wir ebenso sehr aus wie von der Absicht, uns irgendwann im Kanidenhimmel wieder zu treffen.

Kein Hund für Jedermann:

TimberUnser neuer Laika "Timber" erblickte am 31. Mai 2009 nebst fünf Geschwistern das Licht der Welt. Seine Züchter sind Jäger. Sowohl die westsibirische-, als auch ost-sibirische Form erfreut sich nicht nur in Tschechien, sondern eigentlich in allen ost-europäischen Ländern großer Beliebtheit. Gesund, eigenständig, kraftvoll und intelligent seien diese genügsamen Hunde, sagen die Russen. Jeder Arbeits-Laika muss bei der Jagd auf alle möglichen Tierarten, einschließlich Braunbär, beweisen, was wirklich in ihm steckt. Ein Name (Steller und Verbeller), ein Zeichen (Ringelrute), eine zuverlässliche Bank, um gemeinsam mehr zu erreichen.
Ein bisschen was ist sogar dran am Klischee vom "Allround-Könner": Einst, vor fast fast 22 Jahren, erkannte auch ich die Vorzüge der Verhaltensvielfalt dieser Rasse. Doch wer sich von ihnen "einseifen" lässt, wer meint, ihnen kein vorausschauender Sozialpartner sein zu müssen, der wird von ihnen "rasiert". Laiki sind bisweilen eigenbrötlerisch. Es sind Persönlichkeiten, keine Befehlsempfänger und schon gar keine Hunde für das vielerorts übliche Bespassungsprogramm.
"Russian Laika are more active than normal german house dogs".
Nie werden wir diesen bezeichnenden Satz vergessen, den uns die aus der Nähe von Moskau stammende Biologin Anna Schubkina mit auf den Weg gab, als sie Karin und mir den ersten Laika "Chinook" übergab.
Drum merke: Laiki sind wirklich nur etwas für Menschen, die einen Job für sie bereithalten. Einen "richtigen" Job, einen naturnahen Job, eine sehr ernsthafte Beschäftigung, die der Ursprünglichkeit dieser Rasse auch gerecht wird!

Rosiger Start:

Timber - Günther Bloch Anfang November 2009 flog Jungspund Timber mit uns nach Calgary. Fünf Monate war er zu jener Zeit alt. Im Bowtal der kanadischen Rockies angekommen zeigte sich schnell, woran auch unser Hund nach der "Jasper-Ära" am meisten interessiert war: Hauptsache draußen. Hauptsache dabei. Gut möglich, dass Timber als "Wolfs-Such-Begleithund" im Ausland rascher Ansehen gewinnt als daheim in Deutschland. Dass er all jene beschämt, die schwadronieren, Spürhunde bräuchten generell eine lange Zeit des Trainings. Schon am dritten Tag seiner "Amtszeit" jedenfalls saß Timber auf der Rückbank unseres Projektautos. Von dort aus blickte er auf die ersten Wölfe. Die stellten sich im Abstand von gerade zehn Metern im wahrsten Sinne des Wortes vor: Goldene Wolfsaugen tauschten Blickkontakte aus mit hellbraunen Hundeaugen. Vorsichtiges Abtasten. Das war eine erste Auszeichnung, weil der Neuling (Timber), strategisch klug, zunächst ruhig abwartete anstatt zu bellen. Es war aber auch ein Zeichen, dass in unserer Art von Feldforschung nur gegenseitige Interessen zählen. Und sonst nichts.

Klappe, die Zweite:

Fortan ging ich einfach los. Wölfe und deren Fährten und Kothaufen suchen. Timber trottete mit. Blitzartig erkannte er meine Passion. Sie sollte schnell auch zu seiner werden. Es dauerte keine Woche und Timber fand frische Wolfsspuren im Schnee schon selbstständig. "Super", ist das einzige was er von mir in einem solchen Fall bis heute hört. Fehlte nur noch die Anzeige von wölfischen Urin-Markierstellen. Auch das war kein wirkliches Problem. Zack-Zack geht so etwas in Laika-Kreisen. Timber, das war nur kurze Zeit der Unernste, noch ein wenig juvenil, ein wenig zu unwirsch, ein wenig zu auftrumpfend. Gewiss, die selbst beschworene Begeisterung unseres "Schnösels" drückte sich noch in zu übermäßiger Verspielheit aus. Wann immer wir fortan auf einen oder mehrere Wölfe trafen, schienen die uns mitteilen zu wollen: Hurra, da spricht einer "canis lupus", wenngleich mit dem komischen Akzent "familiaris".

Ein Hund will frei lebende Wölfe sehen – geht das?

Was passiert denn, wenn früher Jasper und heute Timber gelegentlich außerhalb des Geländewagens auf die wilden Beutegreifer trifft? Natürlich geht das. Diese Frage wurde durch Jasper schon beantwortet. Nichts passiert, rein gar nichts, denn erstens werden Karin und/oder ich solche Gelegenheiten klug auswählen, und zweitens, zählten alle Wolf-Mensch-Hund-Begegnungen der Vergangenheit zu den Highlights unseres Lebens. Selbst im tiefsten Wald, da wo sich jeder Wolf unbemerkt anschleichen kann, trafen wir schon aufeinander. 21 solche Begegnungen gab es. Nein, stets hatten wir weniger über blutrünstige Attacken a la Rotkäppchen nachzudenken als über uns selbst. Da gab es viel zu reflektieren. Unsere eigentümlichen Emotionen, die wir als "spirit" bezeichnen. Und die weitverbreitete Verachtung und den blanken Hass gegenüber dieser kontrovers-diskutierten Spezies, den wir aus verständlichen Gründen nicht teilen können.

Das Märchen vom bösen Wolf:

Selbst gebildete, kulturell aufgeschlossene Zeitgenossen formulieren oftmals im Gespräch mit uns eine sie anscheinend bedrückende Frage: Haben sie denn keine Angst um ihren Hund? Nein, haben wir nicht. Es ist das Vorurteil gegenüber einer im Grunde genommen extrem neugierigen Spezies, die den Dünkel nährt. Wolf, Mensch und Hund können koexistieren. Jeder sollte sich selbst erforschen, bevor er über unsere zugegeben außergewöhnliche Arbeit urteilt. Uns liegt nichts ferner, als Timber in Gefahr zu bringen. Ein wenig kalkulierter Wagemut schadet nicht.

Gemeinsame Unternehmung:

Wir suchen und finden indirekte Nachweise der Bowtal-Wölfe zusammen, wir dokumentieren ihr Leben vom Auto aus zusammen, wir beobachten sie draußen aus der Ferne zusammen, wir treffen sie hautnah unterwegs zusammen. Abenteuer Alltag. Im Einklang mit der Natur. Timber haben wir in seiner Jugendzeit erfolgreich eine wichtige Lektion vermittelt: Wir sind die, die wirklich immer an dich glauben. Wir sind die, die gemeinsame Sache machen. Im Alter von nur acht Monaten wusste er längst was Sache war. Schliesslich hatten wir ihm mit Beginn unserer gemeinsamen Feldforschungsaktivitaten hoch und heilig versprochen: Vorausgesetzt, die Wölfe des Bowtals schaffen es zu überleben, bleiben wir in unserem Element. Wegweisend für eine hoffentlich rosige Zukunft. Die Basis ist gelegt. Timber kennt die Wölfe und sie ihn. Ohne unseren Hund hätten wir garantiert weniger Wolfssichtungen. Deshalb arbeiten wir im Team, verfolgen ein gemeinsames Ziel.

Und wenn Timber dann zum x-ten Mal, mittlerweile in stoischer Gelassenheit, wieder seine Nase in den Wind streckt und uns seine Wolfssichtung durch ein kurzes Fiepsen ankündigt, lässt unser Zauberwort nicht lange auf sich warten: "Super", Timber. Dann wendet er sich uns nochmals zu, schaut uns freudig an, als ob er sagen wollte:

"You’re welcome", gern geschehen!

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