Forschung

Hommage an Jasper, der am 11. Juli 2009 an Krebs verstarb

Jasper - Günther BlochEin unersetzlicher Helfer an der Wolfsfront

Mein Hund Jasper, nach dem gleichnamigen Nationalpark in den kanadischen Rocky Mountains benannt, war ein westsibirischer Laika-Rüde. Obwohl schon über 13 Jahre alt, begleitete er mich trotzdem bis zum Schluß auf der Suche nach den Bowtal-Wölfen.
Er war tagtäglich im Einsatz.
Ein spezielles Training erhielt er nie. Ich bezeichnete meinen vierbeinigen Helfer immer gerne als ersten und einzigen "Timberwolf-Such-Begleithund", weltweit versteht sich.

Konditionierungen der besonderen Art:
Kanadischen Boden betrat Jasper, der ursprünglich von einem kleinen Bauernhof im Grenzgebiet zwischen Ungarn und Rumänien stammte, das erste Mal im November 1996 auf dem Flughafen von Calgary. Damals war er gerade einmal sechs Monate alt. Im Banff Nationalpark angekommen, war er von Anfang an zu allen Schandtaten bereit: Rein in unseren Geländewagen, auf der Rückbank Platz nehmen, Kurs halten zur Parkstrasse (1A) und nach seinen Stammvätern (und Müttern) Ausschau halten. Zu jener Zeit lebte noch das beeindruckende Wolfspaar Storm und Aster, deren Radiohalsbänder Signale aussendeten, die wir über eine Spezial-Dachantenne mit einem Telemetrie-Empfangsgerät auffingen. Jasper gewöhnte sich rasch an diesen unverwechselbaren "Biep-Ton", verknüpfte ihn mit seinen eigenen Wolfsbeobachtungen. Sein Verhalten konditionierte sich (Piep = Wolfssichtung). Von nun an saß er jeden Tag mit hoher Erwartungshaltung stocksteif auf der Rückbank, mucksmäuschenstill, aber jederzeit voll konzentriert. "Wölfe gucken" entwickelte sich zu seinem bevorzugten Hobby. Im Kernrevier der Bowtal-Familie angekommen, fuhren wir stets besonders langsam. Wann immer wir kein Peilsignal empfangen konnten, öffneten wir das Seitenfenster unseres Feldforschungsfahrzeugs. Dann steckte Jasper zwecks genauer Orientierung seine Nase heraus, präzises “Luftwittern” war angesagt. Das Resultat: Er zeigte uns seine Urahnen besonnen an, bevor wir überhaupt wussten, was eigentlich los war. Timberwolfrüde Yukon, ab dem Jahre 2000 aufgrund seiner spektakulär außergewöhnlichen Verhaltensbesonderheiten sicherlich eine Berühmtheit, stand mitunter zwei Meter neben unserem Auto und tauschte mit Jasper kommunikative Signale aus. Was teilten sich Wolf und Hund da eigentlich gegenseitig mit? Informelles freilich, dessen Bedeutung wir nie gänzlich begriffen, sondern nur erahnen konnten. Im Gegensatz zu manchen "Horror-Stories" von blutrünstigen Wolfs-Bestien und aggressiven Haushund-Monstern, verhielten sich Yukon und Jasper zwar aneinander interessiert, alles in allem jedoch ziemlich unaufgeregt.

Daran hat sich bis zus Jaspers’ Tod nichts geändert. Im Laufe der Jahre hatte mein Hund auf diese Art und Weise zu dutzenden Wölfen regelmässig Kontakt aufgenommen. Er kannte sie alle "persönlich", selbstverständlich auch die unvergessene "Queen" des Bowtals, Delinda. “Biep-Signale” empfangen wir schon lange nicht mehr, denn seit fast 5 Jahren hat niemand mehr einem Wolf einen Peilsender umgelegt. Was soll’s, es ging auch ohne. Jasper fand zu Lebzeiten Leitrüde Nanuk - warum auch immer - besonders beeindruckend, so zumindest mein subjektiver Eindruck...

Auf der Suche nach Spuren und anderen verwertbaren Hinweisen:
Über 200-220 Millionen Geruchsrezeptoren soll die hundliche Nase verfügen, munkelt man in Fachkreisen. Kein Wunder, dass Jasper all die Jahre einfühlsam und zugleich hoch professionell auf Wolfsspuren reagierte, wenn wir zufuß unterwegs waren. Ob nun mehrere Tage alt oder ganz frisch, ich vertraute seit knapp 13 Jahren auf die sensationellen Sinnesleistungen meines Hundes, der mir alle Spuren in "Bloodhound-Manier" wie ein Uhrwerk zuverlässig anzeigte. Manche Feldforscher favorisieren einen bestens ausgebildeten Spurensuchhund, jene "Profi-Kreation" des Menschen, die nur nach langwierigem Training im Team mit Besitzer zum Einsatz kommt. Es ist keinesfalls abwertend gemeint, aber Jasper arbeitete stets selbständig, angetrieben in erster Linie von Eigeninteresse. Hilfestellung erhielt ich in doppelter, nein, sogar in dreifacher Hinsicht: Jasper fand nicht nur jede Spur, die mich stets auf die aktuelle Laufrichtung eines Bowtal-Wolfs aufmerksam machte, sondern verstand es außerdem bemerkenswert, Urinmarkierungen genau anzuzeigen. Am Ende protitierte ich dann noch von jedem Kothaufen, den mein unermüdlicher Begleiter so ganz nebenbei fand und intensiv beschnüffelte. Anhand der Substanz (z.B. Haare, Fell- und Knochenstücke im Kot) konnte ich feststellen, was ein Wolf in letzter Zeit gerade gefressen hat. Mit Jaspers Hilfe erhielten wir tiefe Einblicke in das Alltagsleben unserer Studienobjekte, selbst wenn keine direkte Observation möglich war. Ohne sie nennenswert zu stören, wussten wir, wie und wo wölfisches "Territorial-Markieren" funktionierte, wann eine Paarungszeit begonnen hatte oder Jungtiere aufgrund ihrer eigenen Urin- und Kotstellen im Heimatrevier Orientierung fanden, was ihrer Vertrautheitsschaffung dient. Mein Hund betrachtete all das mit Sicherheit aus seiner ureigenen Perspektive. Hauptsache, er war jeden Tag aufs Neue mit dabei, wenn wir Wölfe suchten und zusammen “Feldforschung” betrieben. Alltag im Leben eines "Dog with job".

Ein unvergessenes Erlebnis:
Kürzlich fand Jasper drei Wolfsspuren. "So what"? Das war wahrlich nichts besonders. Ich marschierte los, um mich ein wenig genauer zu informieren. Zunächst sah alles nach der üblichen Routine aus. Doch plötzlich stoppte Jasper, stand da wie eine Salzsäule, bewegte sich keinen Millimeter von der Stelle. Dementsprechend hielt auch ich wie an-gewurzelt inne. Dreissig Sekunden später kam Wölfin Sundance nur zwanzig Meter entfernt in extrem unterwürfiger Körperhaltung aus dem Wald. Nein, ihre Bewegungsintension hatte beileibe nichts mit uns zu tun, denn wenige Augenblicke später erschien Fluffy auf der Bildfläche, die den Freiraum ihrer Schwester einengen wollte. Dann kam auch Nanuk um die Ecke, schaute uns nur fragend an. Mensch, Wolf und Hund auf Tuchfühlung. Trotz allem: Jeder glotzte irgendwie ein wenig überrascht. Kein heulen oder bellen, kein Ausdruck von Aggression, nichts geschah. Die drei Wölfe kehrten kurz um, trotteten dann aber relativ unbeeindruckt ihres Weges. Jasper schaute mich an als ob er sagte wollte: "Wow, echt spannend, so ein Leben als "Timberwolf-Such-Begleithund"!

Nach neun Jahren hatte unser altes Auto ausgedient. Peter Dettlings "Oldtimer-Mörchen" ebenfalls. Seit vier Monaten sind wir nun beide stolze Besitzer eines neuen Geländewagens. Damals habe ich mir meinem Hund zu Ehren erlaubt, ein passendes Nummernschild mit dem Namen “Jasper” zu erwerben. Ziemlich verrückt, ich weiss, aber verhält sich so nicht jeder "loyale" Hundehalter?

Schlussgedanken:
Nun ist Jasper tot. Karin und ich vermissen ihn unendlich. Seine Asche haben wir kürzlich im Rendezvous-Gebiet der Bowtal-Wölfe verstreut. Exakt dort, wo Jasper in den letzten 13 Jahren am häufigsten auf die vierbeinigen Urahnen stieß. Auf seine Wölfe - nein, korrekt ausgedrückt auf unsere Wölfe. Die werden in einem unbemerkten Moment garantiert an Jaspers Asche schnüffeln und den ihnen vertrauten Geruch wiedererkennen. Wir sind uns sicher, dass es Jaspers letzter Wille gewesen wäre, seine Asche im wölfischen Kernrevier zu verteilen. Das waren wir ihm irgendwie sogar schuldig. Sozusagen für seine herausragenden Leistungen als "Wolf-Dog". Wie soll unsere Feldforschung ohne Jasper in Zukunft nur ansatzweise das Niveau erreichen, welche sie mit seiner unermüdlichen Unterstützung erreichte??

In ewigem Gedanken: Günther und Karin Bloch.