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Wir fangen da an wo andere aufhören. Auch wenn wir anekdotische Erzählungen stets spannend finden und diese auch grundsätzlich ernst nehmen, veröffentlichen wir nur Feldforschungsberichte über Wolfs- und Hundeverhalten, die von unseren Projektberatern Dr. Paquet, Dr. Gibeau und Dr. Gansloßer inhaltlich überprüft worden sind. An Spekulationen, die fast immer auf irgendwelchen Verallgemeinerungstheorien basieren, möchten wir uns nicht beteiligen.

Gleiches gilt für unsere Bücher. Sämtliche Manuskripte wurden vor Veröffentlichung zwecks kritischer Korrektur namhaften Wissenschaftlern vorgelegt, die dies anhand ihrer Ausführungen im Vorwort eines jeden Buches bestätigen.
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ACHTUNG: Die nachfolgenden Kurzberichte sind urheberrechtlich geschützt. Auch bei auszugsweiser Weitergabe ist eine deutlich erkennbare Quellenangabe gesetzlich vorgeschrieben. Die Gesamttexte der hier veröffentlichten Zusammenfassungen sind NICHT gesondert bestellbar. Sie sind exklusiv nur über eine Wolfspatenschaft erhältlich.
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Abstrakt 1:

Die Dreiklassengesellschaft bei Hundeartigen aus verhaltensbiologischer Sicht: Erklärungsansätze zur Frühetablierung einer Sozialrangordnung, Persönlichkeit und zu Abwanderungstendenzen in Caniden-Verbänden (Gesamttext: 15 Seiten, August 2010).
Udo Gansloßer beschreibt einige Erklärungsmodelle diverser Wissenschaftler, wonach ein unterschiedlich akzentuiertes Abwanderungsverhalten von Caniden offensichtlich schon in der früher Welpenphase vorbestimmt ist. Übereinstimmung besteht dahin gehend, dass Caniden schon im Welpenalter eine Art Mehrklassengesellschaft formen. Ein solches „Mehrstufenmodell“ besteht demnach aus dem ranghöchsten Individualtypus, dem Tiefrangigsten und einem sozialen Mittelfeld.
Bislang debattierte man ein Welpenrangstrukturmodell a la Dreiklassengesellschaft bei frei lebenden Wölfen nur auf verhaltenstheoretischer Ebene. Beobachtungsmöglichkeiten im Umfeld von Wolfshöhlen gestalten sich schwierig. Auch bezüglich der Frage, welcher Persönlichkeitstyp früher oder später abwandert, gaben die meisten Wolfsstudien bisher keinerlei Auskunft. Nun liegen uns konkrete Daten vor. Wie erste Beobachtungsergebnisse an vier Wolfsfamilien suggerieren, kristallisierte sich Anfang Juni, wenn die Welpen 7-8 Wochen alt waren, tatsächlich ein Dreitypen-Rangordnungsgeflecht heraus (n =28). Unsere Auflistungen zeigten späterhin signifikant unterschiedliches Abwanderverhalten unter den insgesamt 16 weiblichen und 12 männlichen Individuen. Den neuen Aufenthaltsort von einigen Wölfen (n = 8) bestimmten wir unter Zuhilfenahme radiotelemetrischer Untersuchungsergebnisse. Die Identifikation der übrigen Abwanderungskandidaten anhand direkter Verhaltensbeobachtungen (n = 20).
Kristallisiert sich auch bei allen Hunderassen innerhalb eines Welpenwurfs eine Dreiklassengesellschaft heraus? Diese Frage kann derzeit noch niemand beantworten. Aber einige Informationen gibt es schon. Die kommen erwartungsgemäß von Züchtern. Nach Auffassung von A. Lanzerath ist beim Cuvasz eine Dreitypen-Klassifizierung innerhalb der ihr betreuten Welpenwürfe klar nachweisbar. S. Pitzer bestätigt, dass ihre „Aussies“ zwischen der 6. und 8. Lebenswoche klare Rangordnungsstrukturen formen, wobei der ranghöchste Welpe sowohl ein männliches als auch weibliches Individuum sein kann. Unter Dackelwelpen etabliert sich das gleiche Sozialgefüge, wie H. Schmidt-Röger über Jahre hinweg feststellen konnte.

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Abstrakt 2:

Das Adaptivverhalten von Timberwölfen im Banff Nationalpark: Anpassungsstrategien in einer vom Menschen dominierten Umwelt (Gesamttext: 15 Seiten, Mai 2010).
Wölfe gelten gemeinhin als scheu. Dem jeweiligen Lebensraum und (habitat-spezifischen) Lebensbedingungen angepasst, können sie allerdings eine erstaunliche Verhaltensflexibilität an den Tag legen. Vor allem in Nationalparks zeigten sich in den letzten Jahren viele Wolfsindividuen wenig beeindruckt von menschlicher Präsenz. Aus diesem Grund gibt es seit einiger Zeit eine rege und zum Teil bizarre Diskussion zwischen Wissenschaftlern, Freilandforschern, Wildtiermanagern und der allgemeinen Öffentlichkeit darüber, was noch als „wild“ angesehen werden kann. Jedoch ist „wild“ ein rein menschliches Konzept.
Ende 1980 bestätigten Banff Nationalpark-Behörden, dass sich zwei oder mehrere Wolfsfamilien fest etabliert im Bowtal aufhielten. Rick Kurnelius war der Erste, der eine direkte Interaktion Wolf-Mensch auf der Parkstraße beobachtete. 1987 sah er eine junge Wölfin namens „Gaby“, die neugierig, jedoch keineswegs aggressiv, einigen Straßenarbeitern folgte. Anfang der 1990er Jahre, als immer mehr Wölfe ins Tal kamen, nannte man einen Teil der Bowtal-Parkstraße wegen der regelmäßigen Wolfssichtungen deshalb schlicht und einfach „Wolfsallee“. Die von uns seit 1992 begleiteten Wölfe reagierten beim Versuch Wildwechsel zu folgen, auf Blockaden durch Straßen, Bahngleise und Autobahnunterführungen zwar individuell unterschiedlich, insgesamt jedoch eher gelassen. Nach unserer Ansicht werden somit Bowtal-Wölfe, welche menschliche Infrastruktur intensiv nutzen, fälschlicherweise oft als „zu habituiert“ bezeichnet. Vielmehr sehen wir eine Adaption an spezifische Umweltbedingungen.
Eine mögliche Erklärung ist, dass Wölfe weltweit irgendwie ein Symbol geworden sind für das, was wir als „Indikatoren für intakte Wildnis“ verstehen. Aber sie können natürlich überall leben, so lange man ihnen die Gelegenheit gibt, sich an ihre Umwelt anzupassen. Somit ist längst bewiesen, dass Scheuheit kein Gradmesser für eine Unterscheidung zwischen Wolf und Hund sein kann, obwohl genau das vielerorts behauptet wird.

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Abstrakt 3:

Wolf und Rabe: Langzeituntersuchungsergebnisse zur Sozialisation und zum Zusammenleben von zwei Arten in einer sozialen Mischgruppe (Gesamttext: 19 Seiten, August 2009).
Im Laufe der Jahre ist die bundesdeutsche Hundeszene bedauerlicherweise auf dreifache Weise regelrecht Opfer einer verallgemeinernden Informationspolitik geworden. Erstens durch die generelle Leugnung einer Existenz von zwischenartlichen Dominanzbeziehungen bei Tieren. Die seien, wie man vielerorts hört und liest, "biologisch grundsätzlich sind vorgesehen". Ratsuchende werden, zweitens, dahingehend fehlinformiert, die Mensch-Hund-Beziehung stelle eine Besonderheit dar. Begründet wird diese Einmaligkeit damit, dass hier zwei verschiedene Arten eng aufeinander abgestimmt zusammenlebten. Zudem seien nur diese Mitglieder dieser gemischten Gruppe bereit (Mensch-Hund), eine echte Kooperationsgemeinschaft zu bilden. Besitzer von vierbeinigen Familienbegleitern leiden, drittens, unter der mitunter strikten Weigerung so genannter "Experten", eindeutige Belege für eine starke Bindungsbereitschaft von verschiedenen Tierarten unterschiedlicher Herkunft zur Kenntnis zu nehmen.

Bislang dachte man, Wölfe sozialisierten sich nur mit Artgenossen. Doch weit gefehlt. So unterschiedlich Wolf und Rabe als Arten auch sein mögen, so eng miteinander verflochten ist auch deren Beziehungsverhältnis. Jeder Welpe wächst in der Nähe zur Höhle nämlich mit denselben Rabenindividuen auf. Es findet ein gegenseitiger Prägungs- und Sozialisationsprozess statt. "Wolf-Birds", wie sie Prof. Bernd Heinrich treffend zu bezeichnen pflegt, setzen im Zusammenleben mit Isegrim auf den permanenten Ausbau sozialer Beziehungsgeflechte. Wir haben jahrelang ihr Interaktions- und Spielverhalten dokumentiert (n = 1310). Aber auch alle beziehungsrelevanten Interaktionen zwischen Wolf und Rabe während gemeinsamer Wanderungen durchs Revier (n = 624). Wie unser diesbezügliches Studienergebnis eindrucksvoll beweist, unternehmen Alttiere, jugendliche Wölfe nebst jeweiliger Rabenindividuen, die in einer sozialen Mischgruppe zuammenleben, im direkten Vergleich zirka 80 % aller Ausflüge in einträchtiger Koordination (n = 381).

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Abstrakt 4:

Ressourcenverteidigung und Teilung in Kanidengruppen: Das Wettbewerbsverhalten der Bowtal-Wölfe an Beutetierkadavern und einige zusammenfassende Bemerkungen zum Fressverhalten von verwilderten Haushundegruppen an Futterplätzen (Gesamttext: 9 Seiten, April 2009).
Unseren Untersuchungsergebnisse zufolge bestimmen Kaniden die Veteidigung von Futter eben nicht grundsätzlich über eine Art "Dauerdominanz", sondern in situativen, bedarfsabhängigen Lebenslagen. Wir haben zwei Formen von Zugangssystemen zu Futter untersucht. In einem egalitären System sind die Ausgänge von wettbewerbsaggressiven Auseinandersetzungen rein motivationsabhängig. Alle Gruppenmitglieder teilen sich Ressourcen rang-, geschlechts- und altersunabhängig. Besitzeigentum wird respektiert. Der Gewinn einer Auseinandersetzung ist von der jeweiligen Situation abhängig. Hingegen kommt es einem strikten Dominanz-System zu einem ständigen Vortritt für bestimmte Individuen. Ein solches Verhalten ist eher caniden-untypisch. Im Zusammenhang mit einer Langzeitdominanzstruktur von Wolfs- und Hundefamilien bestätigen unsere Studienergebnisse die Aussage des Biologen D. Mech (1999), wonach die hauptsächliche Auswirkung von "sozialer Dominanz" in der Praxis ist, dass ein Wolfspaar die Wahl hat, wem es Futter zuteilt und den Beutezugang von rangniedrigen Individuen kontrollieren kann. Die Betonung liegt hier auf "kann".

Der individuelle Futterbedarf (Hunger) diktierte die Intensität jeglicher Verteidigungsbereitsschaft (n = 419). Die erwachsenen Individuen tolerierten bisweilen sogar das minutenlange Bewachen von Knochen oder Beutefellstücken seitens ihres jugendlichen Nachwuchses. Je nach dem, in welchem Masse ein einzelnes Tier am Futterbesitz eines Beziehungspartners interessiert war, wechselte auch die Ablenkungsstrategie des gegenseitigen "Austrickens". Die Häufigkeit des Stehlens und anschliessenden "Bunkerns" von Beute stand ebenfalls nicht in Zusammenhang mit dem sozialen Rang eines Individuums. Ein extremer Kontrast zum grundsätzlichen Regelwerk eines strikten Dominanzsystems ergab sich aber vor allem aus der Fürsorge gegenüber erwachsenen (niederrangigen) Individuen. So wurden verletzte Tiere nie im Stich gelassen, sondern von Familienmitgliedern unterschiedlichen Rangs in Form einer uneigennützigen, sozialen Unterstützung und Nahrungsbeschaffung gepflegt. Unser Forschungsbericht veranschaulicht desweiteren, wie oft ein Individuum den Freiraum anderer Gruppenmitglieder an 19 Hirsch-, Elch- und Rehkadavern situativ begrenzte, bzw. wie oft welches Individuum einer Lebensgemeinschaft die gegenseitige Zurtittsverweigerung zum Futter akzeptierte (n = 687).

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Abstrakt 5:

Untersuchungen zum interaktiven Verhalten zwischen Wolfseltern und ihren Welpen in drei typischen Lebenssituationen (Gesamttext: 16 Seiten, Oktober 2005).
Dokumentiert man das Verhaltensrepertoire von frei lebenden Wölfen im Sommer, fällt zunächst die grundsätzlich gelöste, familienorientierte Atmosphäre an einem Höhlenkomplex auf. Viele Forscher haben im Verlaufe der letzten Jahrzehnte mannigfaltige Publikationen zur Beschreibung des sozialen Versorgungssystem des Wolfes veröffentlicht. Mit Vorlage dieses Berichts streben wir allerdings an, den unbestritten überwiegend beobachteten Verhaltensanteil von freundlichen Sozialkontakten (in der Norm zirka 70%) ausnahmsweise außer Acht zu lassen, um die Verhaltensreaktionen "leicht genervter" Elterntiere im Umgang mit allzu quirligen Welpen in sich häufig wiederholenden Lebenssituationen zu beschreiben. In diesem Zusammenhang halten wir eine genaue Beleuchtung von "ignorantem Verhalten" im Vergleich zur Umsetzung so genannter Abbruchsignale ("Schnauzgriff", "Auf-den-Boden-drücken" und "Nacken-Schütteln") besonders heutzutage für wichtig (n = 862).

Die Publikation enthält deshalb präzise Informationen über typische Verhaltensreaktionen von Wolfseltern, die OHNE Nahrung erfolglos von einer Jagd zur Höhle zurückkehren, dann aber trotzdem von den Welpen belagert und belästigt werden (n = 302). Außerdem erklären wir, welche Abbruchsignale zur Jagd aufbrechende Elterntiere gegenüber Welpen umsetzten, die beim Verlassen einer Höhle mit zunehmendem Alter immer häufiger versuchten, den Erwachsenen zu folgen (n = 238). Letztlich scheint der ganze Themenkomplex "Ruhestörung" in der einschlägigen Literatur bislang etwas stiefmütterlich behandelt worden zu sein (n = 322). Zusätzliches Fazit: Wie unsere Untersuchungsergebnisse klar und eindeutig belegen, erfreut sich der berühmte "Nacken-Schüttler" zwar leider beim Mühen um die Erziehung von Haushundewelpen grosser Beliebtheit, ist aber als Rechtfertigungs-Theorie aus der Wolfswelt nicht ableitbar.

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Abstrakt 6:

Fünf Jahre Verhaltensbeobachtungen an drei Wolfsfamilien zur Bewertung des so genannten Alpha-Status und der im Hundeerziehungsbereich gebräuchlichen Begriffe Rudelführer und Dominanz (Gesamttext: 11 Seiten, Januar 2006).
Wann und wo auch immer Diskussionen zum Thema moderne Hundeerziehung geführt werden, ist alsbald auch von DEM Alphawolf die Rede. Der Alphawolf dominiert (angeblich) alle anderen Rudelmitglieder nach Belieben und verhält sich ansonsten völlig willkürlich. Die in diesem Bericht veröffentlichten Untersuchungsergebnisse basieren auf unserer eigenen Themenwahl und der Hypothese, dass in einer Wolfsfamilie eine starre, vordergründig dominante Hierarchie schwerlich beobachtbar ist und das wölfische Eltern-Nachwuchs-Verhältnis in freier Wildbahn nicht vom Ausgang regelmäßig stattfindender Kampfhandlungen geprägt ist. Wir führten fünf Jahre lang von Anfang November 2000 bis Anfang April 2005 als Zweierteam intensive Verhaltensbeobachtungen an drei Wolfsfamilien durch. Im Zentrum unserer Arbeit stand das Protokollieren von aussagekräftigen Interaktionen (inklusive der Beschreibung der Körpersprache von Wolfseltern bei Annäherung ihres Nachwuchses ab einem Alter von sechs Monaten). Unsere Erkenntnisse basieren auf 1158 Interaktionen zwischen Wolfseltern und Jungwölfen. Aus den für unsere Fragestellung relevanten Interaktionen errechnen sich insgesamt 165 elterliche Verhaltensreaktionen mit Imponier/Drohverhalten und 993 elterliche Verhaltensreaktionen ohne Imponier/Drohverhalten. Daraus ergibt sich zunächst die generelle Feststellung, dass die Wolfseltern eine Annäherung ihres Nachwuchses nur in 14,25% aller Fälle mit Imponier/Drohverhalten beantworten und sich zu 85,75% entweder ignorant oder freundlich gestimmt verhielten. Fazit: Die "Macht" von Wolfseltern beruht auf Wissensvorsprung und einem ausgeprägten Sinn für Gemeinsamkeit. Die bislang in der Hundeszene oft missverständlich verwandten Begriffe Alphawolf und Dominanz sollten alleine schon deshalb zur Disposition stehen, weil sie fälschlicherweise nur den Leitrüden als Zentralfigur einer Wolfsfamilie hervorheben und somit der wichtigen Sozialfunktion des Leitweibchens nicht in gebührende Beachtung zukommt.

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Abstrakt 7:

Langzeituntersuchungen zum Führungsverhalten von zwei Wolfsfamilien in Banff Nationalpark (Gesamttext: 12 Seiten, Januar 2006).
Basierend auf unseren Erfahrungen aus einem langjährigen Gedankenaustausch mit Hundehaltern verbinden viele Menschen den Begriff "Führerschaft" offensichtlich mit einem ganz bestimmten Individuum, das eine Gruppe alleine wegen seines höchsten Sozialstatus generell anführt. Mittlerweile verknüpfen einige Hundetrainer sogar ganze Ausbildungsphilosophien mit dem Führungsverhalten eines Alphawolfes. Wir stellen in diesem Zusammenhang die These auf, dass die Führung einer Wolfsfamilie noch lange nicht pauschal dem Alpharüden obliegt, sondern die Tiere vielmehr individuell je nach Motivationslage handeln. Aus diesem Grund haben wir das Führungsverhalten von zwei Wolfsfamilien während vier Wintersaisons zwischen November 2000 und April 2005 und 3 Sommersaisons zwischen Ende Mai 2001 und Mitte Juli 2005 untersucht. In dieser Zeit protokollierten wir insgesamt 563 direkte Wolfssichtungen mit deutlichem Führungscharakter. In Beantwortung unserer Fragestellung halten wir fest, dass die von uns beobachteten Wolfseltern beider Gruppen generell nur in 66,79% der Fälle Führungsverhalten zeigten, der Nachwuchs aber immerhin noch in 33,21% der Fälle. Fazit: Die Führung einer Wolfsfamilie ändert sich je nach Umstand (Altersverteilung, Jahreszeit, Revierstandort, Gefahrenquelle, Lebenserfahrung) ständig, ist deshalb fließend und hoch komplex. Hundetrainer, die ihrer Klientel vermitteln, nur der Alphawolf führe eine Wolfsfamilie und deshalb müsse ein Hund sozusagen aus Kontrollgründen stets hinter dem Menschen herlaufen, handeln nicht nur verantwortungslos, sondern ignorieren (un)bewußt die neuesten Erkenntnisse weltweit anerkannter Feldforscher wie D. Mech oder D. Smith und torpedieren auch unser Mühen um eine sachliche Verhaltensdarstellung gewaltig.

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Abstrakt 8:

Kynologische Langzeituntersuchungen an der Bowtal-Wolfsfamilie zur präziseren Bewertung des Begriffs Futterrangordnung (Gesamttext: 12 Seiten, Januar 2005).
In Gesprächen mit Hundehaltern vertraten diese in den letzten Jahren auffällig oft die These, der Mensch müsse beim Füttern seines Hundes jederzeit (nach Vorbild eines Wolfsrudels) die Chefrolle einnehmen, weil der Alphawolf beim Fressen schließlich auch immer seinen höchsten Sozialstatus demonstrieren würde. Wir haben das Fressverhalten einer Wolfsfamilie an insgesamt 19 Tierkadavern über drei Wintersaisons und zwei Sommersaisons zwischen November 2000 und April 2003 untersucht und dabei festgestellt, dass diese Pauschalaussage keinen Sinn macht. Während unserer Langzeituntersuchungen protokollierten wir insgesamt 355 mal die Anwesenheit von Wölfen in 43 unterschiedlichen Konstellationen. In diesem Zusammenhang gilt es zunächst einmal grundsätzlich festzuhalten, dass die Wölfe in 80,85% der Fälle an Kadavern gemeinsam fraßen und es nur in 19,15% der Fälle zur Umsetzung von Dominanz an einer Beute kam. Auch wenn man gemeinhin gerne das gegenseitige Drohen und körpersprachig betonte Gerangel von Wölfen an einer Beute (Abgrenzen einer Fressposition) zu einer spektakulären Kampfhandlung hoch stilisiert, spielte eine diesbezügliche Datenerfassung für uns keine Rolle, weil es die Tiere meist eben nicht daran hinderte, schnell wieder zusammen zu fressen. Fazit: Häufig findet in Grundsatzdiskussionen zum Thema Futterrangordnung eine völlige Verallgemeinerung statt, die dann wiederum bei vielen Hundehaltern zu voreiligen und falschen Schlussfolgerungen führt. Uns hat erstaunt, wie oft Wölfe unabhängig von Geschlecht, Alter oder Sozialrang ohne die Umsetzung eines absoluten Dominanzanspruchs eines bestimmten Individuums an einem Kadaver zusammen fraßen. Das Wettbewerbsverhalten zwischen Wolfseltern und ihrem Nachwuchs basiert in der Regel eher auf höchstmöglicher Toleranz, als das es strikt hierarchisch geordnet wäre. Diese Aussage bezieht sich vor allem auch auf das Wettbewerbsverhalten unter Geschwistern, das mehrheitlich von einem völlig unspektakulär ablaufenden, gemeinsamen Fressverhalten gekennzeichnet war.

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